“Wie du warst heute noch nicht kreativ? Du hast keine neuen innovativen Ideen entworfen? Hast keine Likes für deinen originellen Facebookbeitrag erhalten? Geht es dir gut? Vielleicht solltest du mal mit deinem Arzt sprechen, wenn du Kreativitätsmangel hast. Ich meine, dafür gibt es ja auch Nahrungsergänzungsmittel…”. Solche Worte bekomme ich ziemlich oft zu hören. Natürlich nicht wortwörtlich, nicht von meinen Freunden oder Kollegen, aber ab und zu von mir selbst. Und vieles davon finde ich auch wieder wenn ich zum Beispiel Stellenausschreibungen lese, mich mit Design Thinking beschäftige, ein Gründerseminar besuche, eine Vorstellungsrunde bei einem Meetup anhöre oder einen TED Talk anschaue. Worum es geht: Um Kreativität als Leistungsszwang.

Der Begriff “Kreativität” leitet sich vom lateinischen Wort “creare” ab (zu deutsch: “schaffen”, “gebären”, “erzeugen”). Darüberhinaus gibt es kein einheitliches Verständnis über eine Definition des Begriffs. Häufig jedoch wird Kreativität mit dem Maß der “Neuheit” oder “Originalität” in Verbindung gebracht und gemessen.  Dabei stellt sich die Frage wer oder was diese Bewertung überhaupt vornimmt: “Das ist aber einzigartig!”. Wie grenzt sich das “Neue” gegen das “Alte” ab?Auf dem Kunstmarkt hat sich gezeigt, dass das “Publikum” eine zentrale Rolle bei der Bestimmung von Genialität und Neuheit spielt. Genauer: Gibt es Käufer die bereit sind Geld zu investieren? Gibt es Rezipienten, die sich einlassen, sich informieren und bewundern? Was ist die Meinung anerkannter Experten und Kritiker?

Wenn alles immer neu, besser, schneller, höher, weiter, witziger, sein muss, kommen wir schnell zu dem Punkt wo der Druck zunimmt diesen Forderungen immer weiter gerecht zu werden. Das “Neue” hat deshalb irgendwann eine neue Firmierung verpasst bekommen: Der Neue Ästhetische Reiz. Statt dem Prozess der unendlichen Verbesserung steht heutzutage das momenthafte im Vordergrund: das Neue wird erlebt, es weckt positive Emotionen und überrascht uns.

Und das scheint sich irgendwie besser zu vermarkten als der rationale und gierige Fortschritt. Mindestens so gut, dass viele Felder, Institutionen, (Lebens-)Bereiche heute davon bereits durchdrungen sind. Der Soziologe Andreas Reckwitz bezeichnet diese Durchdringung der Gesellschaft durch das Kreative als “Kreativitätsdispositiv”.  Die Orientierung am Kreativen, ist dabei Wunsch und Zwang zugleich: “Heutzutage will und soll jeder kreativ sein”.

Aber wie kann man dem Kreativitätszwang entgehen? Sobald wir den kreativen Akt einer Bewertung von außen entziehen, handelt es sich nicht mehr um eine Leistungserbringung für oder vor anderen, sondern wir machen uns den kreativen Prozess wieder selbst zu nutzen: Als persönliches Erlebnis, als Mittel der Zerstreuung, als Konzentration auf unser eigenes Schaffen. Das bedeutet wiederum nicht, dass Kreativität in Einsamkeit geschieht oder keinen Zweck verfolgen kann. Statt an dem “Neuen” orientieren wir uns an der Persönlichkeit, dem Humor und dem wiederkehrenden Ritual. Kreativität wird zu einem spielerischen Prozess des Experimentierens, Entdeckens, Inspirierens, des Können und Dürfens. Mitspieler willkommen!

In diesem Sinne gilt für alle unsere Monos nur eine Regel: Alles kann, nichts muss – mach die Regeln zu deinen Regeln!

Quellen: Reckwitz, A. (2012). Die Erfindung der Kreativität. Zum Prozess gesellschaftlicher Ästhetisierung. Berlin: Suhrkamp.

 

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